Salzburger Festspiele: Mozarts „Zauberflöte“ neu laden – Kultur

Darf Mozart die Salzburger Festspiele verpassen? Diesmal nur Oper, Streichquartett, Streichquintett, kaum Klaviermusik, kein Orchesterwerk. Es ist “unser” auf Mozarts Party. Am gefährlichsten ist die „Zauberflöte“ – eine Wiederholung der Aufführung von 2018.

Jetzt von Joanna Mallowitz mit scharfem Akzent geleitet, treibt Regisseurin Lydia Steer ihre Interpretation voran – jetzt im kleineren Haus für Mozart statt im üppigen Großen Festspielhaus. Steiers Grundgedanke der Geschichte von Mozart und Schikander bleibt gleich: Die „drei Knaben“, die geistigen Führer und heimlichen Trainer von Tamino, Pamina und Papageno, werden zu Mitspielern und Enkeln eines imaginären Großvaters, der sie engagiert das Märchen für Kinder und Erwachsene in elf Kapiteln, die lesen. Die Knaben (die sehr musikalischen Drei Wiener Sängerknaben), in Mozarts Originalfassung ein lyrisches Trio, das in der Luft schwebt, in die Geschichte eintaucht, sie hautnah miterlebt, alles neugierig beobachtet, mitspielt. Eine schöne und faszinierende Idee, eine Skala, um das Spiel dazu zu bringen, einen Mann und eine Frau zu finden und zu „testen“, sie als das perfekte Liebespaar zu charakterisieren, realistischer, greifbarer und unterhaltsamer.

Die Drei Knaben, die spirituellen Wegweiser und Geheimtrainer von Tamino, Pamina und Papageno, wurden hier zu Fellows, verkörpert durch die Wiener Dreierknaben.

(Foto: Sandra Then/SF)

Die Einleitung erzählt lebhaft die Geschichte eines Großvaters und dreier Enkelkinder: Ganz oben auf der Bühne, im Gründerzeitstil einer alten Villa, mischt sich eine ganze Familie pantomimisch in das stumme Spiel von Jungen und Mädchen ein. Futuristische Opernfiguren. Leute aus der Oberschicht mit ihren Schocks. Das Allegro-Orchester tobt weiter. Das ästhetische Gegenteil von Cozzo van Toot findet ab 2020 in Salzburg statt: Während allein die leere, schneeweiße Bühne von Christoph Lowes Inszenierung zerstrittenen Paaren und ihren Emotionen scharfe Züge verleiht, erscheint Lydia Steers „Zauberflöte“ im Drehbühnenbild von Katharina Schlepf, Gefüllt mit porösen Innenräumen, Abstellkammern, Treppenhäusern und auch bedeutungsvollem ‘lustigem’ Scherzzeug. Die Schriftzeichen zappeln darin oder verblassen zwischen all den gesprochenen Texten, die Steier aus Singspielfragmenten von Mozarts Schrift entnimmt oder seinem Großvater (Roland Koch) frisch in den Mund legt. Die Kollision von Textmusik ist unvermeidlich.

In Lydia Steers „Zauberflöte“ gibt es Lücken und Neuerungen sowie redundante Grafiken von Mozarts idealisierter Figurenwelt. Dazu gehört auch ihre Vision von der Welt von Sarastro und seinen „Gefährten“ – 2018 sind sie immer noch in der Zirkuswelt vertreten. Immer wieder wurde argumentiert, dass der Protagonist der „Heiligen Hallen“ mit der zerbrechlichen Stimme von Tariq Nazmi eine positiv wie negativ schillernde Figur sei, sei es ein edler Humanist oder ein Sklavenhalter und Tyrann. Dass seine Gefolgschaft aber wie hier als eine Klasse tabakrauchender Kerle auftritt, in grauen Anzügen mit Krawatte und Wurfmützen, später ergänzt durch eine mit Sturmgewehren bewaffnete Soldatentruppe, bleibt unbemerkt und setzt ein skurriles Statement Widerspruch.

Natürlich hat der Kopf des Sklaven Monostatus (Peter Tantsits) Pamina nicht als „Mohr“ freigelassen, aber: „…weil der schwarze Mann hässlich ist“, singt er hier sein Selbstporträt in Mozart: „.. .weil der Sklave hässlich ist.“ Es gibt nichts Besseres als das. Prinz Tamino, heldenhafter als der lyrische Sänger von Mauro Peter, ist in ein sehr elegantes königliches und kaiserliches Kostüm gekleidet, in dem die drei abgebrühten Damen gleich zu Beginn die monströse Schlange erschießen müssen. Mit ihrem strahlenden Sopran posiert Regula Mühlemann als Slender Woman und Paminas Töchter. Es gelang mir tadellos in den Melodien des Schmerzes.

Lydia Steyer ist Mozarts Königin der Nacht, eine zerbrochene Mutterautorität, schützend und zerstörerisch zugleich, unveränderlich. Brenda Ray verleiht ihr die Majestät eiskalten Glanzes. Leider ist Papageno neben seiner persönlichen Rolle, die keinerlei populären Eindruck macht, der ungestüme Bariton Michael Nagel, der in Papagena die köstliche, pointierte Sopranistin Maria Nazarova spielt. Zwei ursprünglich “Wiener” Vorstädter wurden zu Stimmungskillern im szenischen Theaterschrott.

Und Mozarts subtiler, intimer, motorisierter Ton in „Die Zauberflöte“? Joanna Mallowitz hat es im Griff, auch dank der Wiener Philharmoniker, die akribisch in ihrem Rhythmusrausch sind. Wo es weiter wachsen darf, das ist die Kunst, länger zu atmen, mit all der Energie, die dir zur Verfügung steht. Der vielleicht größten Kunst Mozarts gilt es nachzuspüren: der Mikro-Magie der „kleinen Töne“. Es darf nicht verschwinden.

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