Hilft das Waschen von Blut, eine langfristige COVID-Erkrankung zu verhindern? Was bisher bekannt ist

  • Etwa 15 Prozent aller COVID-19-Infizierten leiden Wochen später noch unter Symptomen wie Müdigkeit, Erschöpfung und verminderter Leistungsfähigkeit als Folge ihrer Infektion.
  • Dieses als Long-COVID bekannte Phänomen könnte durch eine Art anhaltende Entzündung verursacht werden.
  • Durch eine besondere Art der „Blutwäsche“ erhoffen sich die Betroffenen Heilung.

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Dr. Dominic Jarczak, Facharzt für Innere Medizin, Notfallmedizin und Internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), erläutert diesen besonderen Ansatz zur Blutreinigung und was bisher darüber bekannt ist. Er selbst hat kürzlich eine experimentelle Studie zur Blutreinigung in schweren Fällen durchgeführt COVID-19 Kranke Patienten fertig.

Herr Dr. Jarczak, wo sollten wir die Hämodialyse medizinisch gegen Langzeit-COVID einstufen?

Zunächst muss klargestellt werden, dass es bei COVID-19 keine „Blutwäsche“ gibt. In der Medizin gibt es verschiedene Blutreinigungsverfahren, die jeweils bei bestimmten Erkrankungen zum Einsatz kommen. Da ist zum Beispiel das sogenannte Dialyseverfahren, das unter anderem bei eingeschränkter oder versagender Nierenfunktion routinemäßig eingesetzt wird. Es gibt auch das als Plasmapherese bekannte Verfahren, bei dem Blutflüssigkeit namens “Plasma” ersetzt wird. Wir Ärzte setzen diese Technologie zum Beispiel bei einigen Autoimmunerkrankungen ein. Dann gibt es eine Reihe von Prozessen, die sich voneinander unterscheiden, beispielsweise durch den Einsatz unterschiedlicher Filter oder sogenannter Adsorptionsmittel. Dazu gehört „Blutwäsche“ für die mit COVID-19 Infizierten.

Wie genau funktioniert dieses Hämodialyseverfahren?

Eine Infektion mit COVID-19 löst eine Entzündungsreaktion in unserem Immunsystem aus, um das Virus abzuwehren. Es gibt normalerweise ein sehr empfindliches Gleichgewicht von Substanzen, die Entzündungen lokal kontrollieren und begrenzen. Einige COVID-19-Patienten erleben jedoch eine sehr starke und unkontrollierte Entzündungsreaktion, die den ganzen Körper betrifft. Die Folge: Organe funktionieren nur noch eingeschränkt, das Kreislaufsystem wird instabil, Patienten leben in Gefahr. Blut ist ein wesentlicher Bestandteil des Immunsystems, da die überwiegende Mehrheit der zum Immunsystem gehörenden Zellen und Botenstoffe im Blut vorhanden sind. Die überschüssige Menge an Botenstoffen muss durch das von uns angewandte Blutreinigungsverfahren per Adsorption aus dem Blut entfernt werden. Der Absorber wirkt wie ein Magnet oder Klebstoff, der das übertragene Material hält und aus dem Kreislauf entfernt. Hoffentlich beruhigt das danach das „Chaos“ im Immunsystem und lindert die Symptome.

Wie funktioniert das in der Praxis?

Bei unserem Verfahren wird das Blut mit Hilfe einer Kanüle aus dem Körper abgelassen, das in einer Kartusche zugeführte Material durch sogenannte Adsorption gesammelt und anschließend dem Körper wieder zugeführt. In der Intensivmedizin geschieht dies kontinuierlich über mehrere Tage, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Verfahren, die im ambulanten Bereich bei Langzeit-COVID-Patienten angewendet werden, eine andere Technik sind, die sich über mehrere Tage erstreckt und dann jeweils einige Stunden dauert.

Ich habe kürzlich eine Pilotstudie zur Blutreinigung abgeschlossen. Was genau hast du überprüft?

Wir haben eine kleine Pilotstudie aufgesetzt, um die Wirksamkeit des Blutreinigungsverfahrens – der sogenannten Adsorption – bei Patienten mit schwerer und schwerer COVID-19-Erkrankung zu untersuchen. Teilgenommen haben 24 Patienten, die aufgrund einer schweren COVID-19-Erkrankung intensivmedizinisch von uns behandelt wurden. Wir wollten sehen, ob ihr Gesundheitszustand mit diesem Verfahren stabilisiert werden kann.

Was hat Ihre Studie gezeigt – hilft das Waschen des Blutes?

Die Allgemeinsymptome der Studienpatienten verbesserten sich als Ergebnis der Blutadsorptionsreinigung. Dadurch wird der Kreislauf besser stabilisiert und die Patienten befinden sich weniger lange in einem vermeintlichen Schockzustand. Auch Entzündungsmarker nehmen tendenziell ab. Insgesamt zeigte unsere Studie jedoch keine signifikanten Verbesserungen. Dass sich der Zustand insgesamt verbessert hat, kann also auch ein Zufall sein und unsere Studie kann somit als „negativ“ eingestuft werden. Wir konnten die Patienten jedoch zumindest vorübergehend besser stabilisieren, sodass andere Maßnahmen ergriffen werden konnten.

Was sagen andere Studien zur Wirksamkeit der Hämodialyse bei längerer Infektion mit dem Corona-Virus?

Derzeit gibt es keine zuverlässige Behandlung für das protrahierte COVID-Syndrom. Die aktuellen deutschen COVID-Leitlinien haben schon lange keine eindeutige Vorgabe zur Erkennung und Diagnose. Das bedeutet, dass wir Ärzte bis heute nicht genau sagen können, was die konkrete Ursache für eine verlängerte COVID tatsächlich ist. Deshalb ist es derzeit so schwierig, überhaupt eine wirksame Behandlung anzubieten. Denn wenn ich das Problem nicht kenne, wie kann ich sinnvoll damit umgehen?

Sie empfehlen also keine Dialyse für COVID-19-Patienten?

Da es keine positiven Studien zur Wirksamkeit der Blutreinigung bei verlängertem COVID-Syndrom gibt, kann ich dies auch nicht empfehlen. Von einem reinen Studienfall spricht derzeit nichts für deren Einsatz. Natürlich gibt es immer wieder Einzelfälle, wie in unserer eigenen Studie, aber ein Allheilmittel sind sie sicher nicht.

Für welche Einzelfälle ist ein kostspieliges Verfahren sinnvoll?

Die von uns angewandte Methode wird noch in weiteren Studien mit Patienten mit schweren und sehr schweren Infektionen untersucht, die eine Behandlung auf einer Intensivstation benötigen. Bei Personen, die lange nach einer Verletzung müde sind, Kopfschmerzen haben und weniger belastbar sind, sollten unbedingt alle anderen körperlichen Ursachen ihrer Beschwerden ausgeschlossen werden. Daher sollten Ärzte immer zuerst abklären, ob es durch eine andere Krankheit wie Depressionen oder Herzerkrankungen verursacht wird. Ich bezweifle, dass es irgendeinen Hinweis auf eine Blutreinigung geben könnte.

Ist Blutwaschen ein großes Risiko?

Löcher in den Blutgefäßen können Infektionen und Blutungen verursachen. Wird Blut durch Filter und Schläuche herausgedrückt, kann auch das Kreislaufsystem Probleme bereiten. Auch das Medikament, das Sie verabreichen müssen, um zu verhindern, dass es in den Filtern und Schläuchen gerinnt, kann Unverträglichkeiten verursachen. Hier muss man also mit den typischen Risiken aller Blutreinigungen rechnen – ohne sichtbare Linderung der Symptome des COVID-Long-Syndroms.

Einige Menschen mit COVID verwenden derzeit ihre Ersparnisse, um ihr Blut privat in Kliniken auf Zypern zu reinigen. Große Verzweiflung. Wie bewertest du das?

Ich kann verstehen, dass es verlockend erscheint, wenn jemand etwas aus dem Blut entfernt und verspricht, dass die Symptome danach verschwinden. Derzeit gibt es jedoch nichts Konkretes, was speziell angesichts des anhaltenden COVID-Syndroms wirklich hilft. Nur eine “Blutwäsche” zu machen ist wie Lotto spielen. Weitere Forschung ist erforderlich, um die Wahrscheinlichkeit einer Linderung oder Behandlung zu erhöhen.

Über den Experten: Dr. Arzt Dominic Jarczak Facharzt für Innere Medizin, Notfallmedizin und internistische Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), einer der führenden Kliniken Europas. Dort leitet er den Studientisch in der Intensivklinik. Kürzlich führte er eine Pilotstudie zur Blutreinigung durch, die bei COVID-19-Intensivpatienten eingesetzt wurde.

Verwendete Quellen:

  • Interview mit Dr. Dominic Jarczak
  • S1-Leitlinien nach COVID / Long-COVID

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