Die Premiere von „Ingolstadt“ fand auf der Berner Insel statt

Sie war die erste mit Hindernissen. Einige der Coronavirus-Fälle der Gruppe hätten in den vergangenen Probentagen zu einem „dauerhaften Ausnahmezustand“, einer viertägigen Verschiebung der Show und drei „vorübergehenden Änderungen“ der Premiere geführt, erklärte die stellvertretende Leiterin Bettina Hering vor der Aufführung – Das war ihre Zeit. Kurzzeitig wurde es auch wegen eines Ohnmachtsanfalls des Publikums abgebrochen, dessen Zeit unterbrochen werden musste und einige kurze Fehlfunktionen der Tonanlage zu hören waren. Letzteres gab uns die Möglichkeit darüber nachzudenken, ob der Soundtrack, der fast immer auf Dialoge und kleine Auslässe setzt, wirklich der beste ist…

Der Dramaturg Koen Tachelet verschränkte die Stücke „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“. Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit funktioniert es einwandfrei. Es gibt keine Doppelteams – außer der zentralen erwachsenen Figur. Die Tatsache, dass Olga Perotters Vater (“Fegefeuer”), Vater Fabian Untertel und die beiden Unteroffiziere (“Pioniere”) vom selben Schauspieler gespielt werden, ermöglicht es ihm, als zentraler Dreh- und Angelpunkt zu fungieren. Glücklicherweise hat hier Corona von überall her zugeschlagen und die Premiere wurde vom tapferen Ernst Allan Hausmann anstelle von Oliver Nageli gezeigt. Es ist allgemein bekannt, dass sich dieselben Schauspieler als Pioniere, manchmal als Studenten, zu gewalttätigen Banden zusammenschließen. Der Druck geht immer von oben nach unten. Unten sind die Untergebenen, Außenseiter, die Schwachen und Frauen.

Ivo van Hoof, Regisseur dieser Gemeinschaftsproduktion mit dem Burgtheater, erklärte Ingolstadt, zu der er gehört, „eine Stadt so legendär wie Mahagoni: eine Metapher für eine Welt, in der junge Menschen um ihre Zukunft kämpfen“. Auf den ersten Blick scheint es, als hätte der Innenarchitekt Jan Versweyveld diese legendäre Stadt in ein Ölfeld versetzt. Nach und nach verwandeln sich die vermeintlichen Kräne in Stromtürme mit Lautsprechern und bunten Lichterketten. Zusammen mit der Landschaft um Teiche, Teiche und die drei Spiegelwände ergibt sich so eine Mischung aus künstlichen und natürlichen Parks, in denen sich nach und nach individuelle Handlungsstränge entwickeln – nicht immer kategorisch, aber fast immer.

Es schält das Leiden ab. Es tauchen Geschichten von Unterdrückung und Martyrium auf (Jean-Paulo Ruel malt sehr stark als Mann der Trauer zwischen religiöser Ekstase und weltlichen Begierden), aber auch Akte des Widerstands und Versuche der Befreiung. Während Yvo van Hoof, der 2024 die Ruhrtriennale übernehmen wird, mit Fleißers überspitzter und fast poetischer Sprache wenig anfangen kann, ist es ihm gelungen, aus von männlicher Macht dominierten Stücken drei starke Frauenrollen herauszuarbeiten.

Als schwangere Olga (“Purgatory”) ringt Marie-Louise Stockinger um ein positives Weltbild, etwas Zuneigung und einen Mann, der sie nicht nur davon überzeugt, “das” um jeden Preis loszuwerden. Lilith Hasley als Berta und Burgtheater-Newcomerin Dagna Litzenberger Vinet als Alma setzen sich so lange erfolgreich gegen die brutale Verkörperung von Männlichkeit für die „Pioniere“ durch – die eine als selbstbewusste Frau, die über ihr Leben und ihre Liebe entscheidet, die andere als Unternehmerin, die sich um ihre Jugend kümmert und ihre Lebensfreude als Kopfgeld nutzt. Am Ende werden beide Strategien brutal scheitern. Die Pioniere rücken vor und singen ein Lied: “Alle von uns, alle von uns, wir alle kommen in den Himmel / Weil wir so gut sind, weil wir so gut sind …”

Es ist eine Männerwelt – aber Ingolstadt ist die Stadt der Frauen? Am Ende des Ingolstädter Experiments wirken die beiden Originalstücke nicht weniger mysteriös als zuvor, und Fleissers Beziehung zu Büchner und Wedekind scheint mindestens so wichtig wie Horvath. – Es gibt nur noch vier Aufführungen in Hallein – aber ab dem 4. September gehört die Pflichtaufführung zum Repertoire des Burgtheaters.

(Service – “Ingolstadt”, nach den Theaterstücken “Fegefeuer in Ingolstadt” und “Pioniere in Ingolstadt” von Marieluise Fleißer adaptiert von Koen Tachelet, Regie: Ivo van Hove, Bühne: Jan Versweyveld, Kostüme: An D’Huys, Musik : Eric Slichem, Dramaturg: Quinn Tachelt, Sebastian Hopper Premiere Besetzung: Marie-Louise Stockinger – Olga, Jean Polo – Ruel, Dagna Litzenberger Vinnett – Alma, Lilith Hasley – Berta, Maximilian Poulst – Corl, Tilman Toby – Pepes, Max Gondor Fabian , Lukas Vogelsang-Christian, Lily Winderlich-Clementine, Gunter Ekes-Münster, Julian von Hansmann-Roskopf, Ernst Allan Hausmann-Peruter/Untertel/Sergeant/New Sergeant, Bijan Zamani-Protasius, Mutter von Elizabeth Augustin-Ruel-Jäger, Salzburg Festival, Perner Island, Hallein, weitere Vorführungen 2., 4., 5. und 7. August. Koproduktion mit dem Burgtheater, Filmpremiere in Wien am 4. September.)

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