Bachmann-Preis 2022: Wieder live in Klagenfurt. Rede von Anna Barr. – Kultur

Ganze zwei Jahre der Pandemie hat es gedauert, bis die Klagenfurter wieder konkurrenzfähig waren. Am Mittwochabend, zur Eröffnung der 46. Session Deutschsprachige Literatur, stand alles im Zeichen der Rückkehr der Geschäfte, die bisher auf die Bildschirme um den wirkungsvollsten Preis für Gegenwartsliteratur gelenkt worden waren. Doch jetzt tummeln sich wieder Redakteure im Garten der ORF-Studios, Literaturagenten, Blogger und Leser. Dafür wurden diejenigen, die schon an der Reihe waren, mitten im Rückspiel auf die Probe gestellt: Wie die Wrestler vor dem Match saßen sie im Kreis, alphabetisch aufgereiht, die 14 Autoren, wer im nächsten Drei Tage lang würde die Jury die ehemals geheimen Texte der neunköpfigen Jury verfassen.

Die Klagenfurter Schriftstellerin Anna Barr riet diesen Autoren am Ende ihrer Eröffnungsrede: „Spiel nicht mit deinen Socken! In diesem Lesehof steht ein Elefant.“ Ob die Geschworenen diesen Elefanten gemeint haben und warum dieses warmgraue Tier dafür verantwortlich sein soll, dass es erfahrungsgemäß auch in diesem Jahr wieder zu unangenehmen Durchsuchungen kommen kann, ist allerdings noch unklar.

Aber bevor diese Warnung herausgegeben wurde, hatte Anna Barr zwei Reden in einer gehalten und wollte viele Höhepunkte unter der Überschrift “Wahrheit ist unhöflich”. Der Bachmann-Preis fiel in den vierten Monat des Ukraine-Krieges, und Barr log, dass diese Zeiten durch den nun achtzigjährigen europäischen Frieden unterbrochen würden. 1991 etwa habe man “das Rammen der Bombe, das Knallen der Pistolen, die Schreie der Getroffenen aus nächster Nähe” gehört. Damals begann der slowenische Krieg, und noch heute seien die Menschen diesseits der Grenze wegen etwas ganz anderem in Panik, sagt Barr.

Im Moment größten Interesses schaut Klagenfurt zuerst auf sich

1991 war das Jahr, in dem der Autor Urs Alemann mit seinem provokativen Text «Babyficker» die Innensicht des Pädophilen vermaß und für viele schwer zu ertragen war. Allerdings ist es nicht wirklich auszuhalten, während Bar diesen alten Text in die weniger festliche Stimmung Klagenfurts bringt, “Das waren Verbrechen echter Pädophiler”. Barr verweist auf den Kärntner Kinderarzt Franz Wurst, der den Missbrauch kleiner Kinder jahrzehntelang als “hingebungsvolle Kur” getarnt und viele beschützt habe. Barr spricht über andere Ärzte, Pfleger und Polizisten und auch über den ehemaligen Landeshauptmann Leopold Wagner, weshalb die Stadt Klagenfurt über die Umbenennung einer nach ihm benannten Sportarena diskutiert.

Der Offenlegungsbrief taucht in Anna Barrs Rede in Klagenfurt auf, und auch wenn es manchmal so scheint, ist sie nicht allein in der Stadt. Vor einem Monat präsentierte der israelische Regisseur Noam Brusilovsky mit dem Film “Don’t See” im Theater Klagenfurt einen Dokumentarfilm zum Thema.

Es ist eine sympathische österreichische Literaturtradition, den Finger in den eigenen verrottenden Haufen zu stecken und weiterzudrücken, bis alles zusammenbricht. Joseph Winkler zum Beispiel, der erschütternde antipatriotische Romane schreibt und vor einigen Jahren Klagenfurts Ehrengäste, vom Bürgermeister über den Landeshauptmann bis hin zum Kulturreferenten, persönlich mit einer öffentlichen Rede beleidigte. Auch Anna Barr schimpft über die vielen nach Nazis benannten Straßen in Klagenfurt, über das “gefürchtete Schweigen”, über die Komplizen. Es wäre eine souveräne Leistung gewesen, wenn es so hätte enden dürfen: Im Moment größten Interesses schaut die Stadt Klagenfurt mit Hilfe von Staatsanwältin Anna Barr zunächst auf sich.

Aber dann schimpfte Anna Barr weiter mit ihr. In einer zweiten Rede schimpfte er über die scheinbar erbärmliche Qualität der zeitgenössischen Literatur, über “jugendlichen Jargon” und “elegante Plots”, über “neoliberale Coolness” und “Delikatesse des Grauens”: “Weißbrotliteratur ohne jeden besonders wertvolle Nahrung”. Sie schimpfte sich so ohne Hinweis oder Beispiel. Und nach dieser Predigt wirkt der letzte Tipp, den Elefanten im Raum zu beherzigen, fast schon komisch. Vielleicht hätte man die hier in Klagenfurt in einer Reihe sitzenden Autoren vor dem ersten Lesetag auf Anna Barrs konservative Universalität junger Gegenwartsliteratur aufmerksam machen sollen.

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