Angeblicher Menschenhandel: Borealis unter Druck

Auf der Baustelle der OMV-Tochter Borealis Chemicals in Belgien sollen mehrere Arbeiter Opfer von Menschenhandel geworden sein. Borealis sei dies seit Mai bekannt, heißt es. Der Baustopp wird nun verlängert.

Die zuständige Staatsanwaltschaft in Antwerpen teilte am Mittwoch mit, dass bislang insgesamt 174 Personen in dem Zusammenhang identifiziert worden seien. Sie fügte hinzu, dass sich die Zahl der potenziellen Opfer während der Ermittlungen ändern könne. Borealis beschuldigt einen Subunternehmer, der mit der Durchführung der Arbeiten beauftragt wurde.

Verlängerung des Baustopps

Das Unternehmen Borealis kündigte am heutigen Donnerstag an, den vorübergehenden Baustopp in Kalou (Nordbelgien) verlängern zu wollen, um „ausreichend Zeit für die Ermittlungen zu haben“. Borealis beschuldigt einen Subunternehmer, der mit der Durchführung der Arbeiten beauftragt wurde.

Borealis untersucht die Angelegenheit „mit höchster Priorität“ und arbeitet eng mit den belgischen Behörden zusammen. Die Projektarbeit wird schrittweise wieder aufgenommen. „Borealis verurteilt jede Art von Menschenrechtsverletzungen. Deshalb haben wir beschlossen, den Bau unseres Megaprojekts in Kalo vorübergehend einzustellen, bis alle zusätzlichen Compliance-Maßnahmen umgesetzt sind“, sagte das Unternehmen am Donnerstag.

Sechs Arbeitstage – Gehalt von 650 Euro

Belgische Medien berichteten letzte Woche über den Fall. Allerdings war die Zahl der potenziellen Opfer zunächst viel geringer. Die belgische Nachrichtenagentur Bilga schrieb, Arbeiter müssten sechs Tage die Woche für einen Lohn von bis zu 650 Euro im Monat arbeiten – meist ohne Arbeitserlaubnis.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen mutmaßlicher Verstöße gegen das belgische Arbeitsrecht. Sie fügte hinzu, dass vielen Arbeitnehmern vorübergehend der Status von Opfern des Menschenhandels zuerkannt wurde. Sie kommen unter anderem aus der Türkei und den Philippinen und können jetzt einen Abschluss machen, um in Belgien weiterarbeiten zu können.

Peter Weickart, Arbeitsinspektor in Antwerpen, bestätigte laut einem Bericht des flämischen öffentlich-rechtlichen Senders VRT NWS, dass die Betroffenen aus Bangladesch, den Philippinen und der Türkei stammen.

Beschäftigte in ihren Heimatländern

Claus Vanhout, Direktor der belgischen NGO Payoke, die sich mit Menschenhandel befasst, sagte gegenüber VRT, dies sei der „größte Fall von Menschenhandel in der Geschichte Belgiens“ und einer der größten in ganz Europa. Die Arbeiter wurden in ihren Heimatländern angeworben mit dem Versprechen, im Ausland als Monteure oder Schweißer gut bezahlt zu werden.

In einer Erklärung gegenüber der APA zitierte Borealis „strenge Richtlinien“ und „verschiedene Schutzmaßnahmen“, die die Verträge des Konzerns mit Geschäftspartnern und Auftragnehmern untermauern, um „ethisches und rechtmäßiges Verhalten“ sicherzustellen. Sie fügte hinzu, Borealis hätte nicht geahnt, dass das verantwortliche Unternehmen IRM-Ponticelli grundlegende Sozialgesetze nicht einhalte.

Verstöße Anfang Mai

Berichte von VRT NWS und “Die Brüsseler Zeiten” Berichten zufolge war Borealis bereits im Mai über die Verstöße auf der Baustelle informiert worden. Demnach stellte der ehemalige belgische Arbeitsinspektor und ehemalige Richter Epp Verhagen Unregelmäßigkeiten in den Dokumenten eines Arbeiters aus der Ukraine und 50 weiteren Kollegen fest. Daraufhin reichte er eine Beschwerde bei der zuständigen Behörde ein und informierte Borealis.

In ihrer Stellungnahme gegenüber der APA schrieb Borealis, dass aus dieser „informellen Mitteilung“ im Mai nicht auf das Ausmaß des Sozialbetrugs und das Potenzial des Menschenhandels geschlossen werden könne. Am 27. Juli verhängte Borealis eine dreitägige Sperrung des betroffenen Standorts und setzte den Vertrag mit IREM-Ponticelli bis zum Abschluss der Untersuchungen der Sozialaufsichtsbehörde aus. Der Baustopp wurde zum 1. August verlängert.

NGOs fordern „umfassende Aufklärung“

Die österreichische NGO Südwind sieht derweil Handlungsbedarf in Österreich: „Die Republik Österreich sollte als Miteigentümer in dieser Frage nicht schweigen“, sagte Geschäftsführer Konrad Relling laut einer Aussendung vom Mittwoch. Finanzministerium und ÖBAG seien verpflichtet, “umfassend zu informieren und strenge Regelungen für menschenrechtskonforme Arbeitsbedingungen zu treffen”.

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