Andreas Chager als Bayreuther Fanliebling „Siegfried“.

Andreas Chager liebt Brünnhilde © APA / Festspiele Bayreuth / Enrico Nawrath

Den meisten Beifall bekam am Ende Andreas Chager: Der österreichische Meistertenor sang sich am Mittwochabend als Siegfried in Teil 3 des „Ring des Nibelungen“ mit unvergleichlicher Wucht in die Herzen des Bayreuther Festspielpublikums. Der 50-Jährige erreichte die Gildenspitze. Sein Siegfried ist ein testosteronreicher Jüngling in der Neuinszenierung von Valentin Schwarz, die allerdings seinen bisher schwächsten von drei Abenden markiert.

Der gebürtige Niederösterreicher beherrscht von der ersten Minute an seine Orgel, Siegfried singt in voller Wucht, er ist zweifellos präsent. Es ist wenig nuanciert, passt aber zur Charakterisierung der Rolle des jungen österreichischen Regisseurs Valentin Schwartz, der Siegfried als postpubertären Testosteronbomber darstellt und auf der Geburtstagsfeier seines Adoptivvaters auftritt M (Arnold Bezoin) ist schon betrunken, Hormonüberlaufen und eigentlich nur angesichts von Brunhilds schöner Weiblichkeit – für eine Weile – lernt sie das Fürchten.

Und das, obwohl er von Daniela Köhlers Walküre, die gerade aus ihrem Schlaf erwacht ist, nichts zu befürchten haben wird. Am Ende lieferten die deutschen Sopranistinnen trotz der Atemnot bei der hohen Platte eine tadellose Leistung mit weit schwingendem Vibrato, aber zurückhaltender Eleganz. In der Finalrunde am Freitag, “Götterdämmerung”, wird sie dann leider an ihre Landsfrau Irene Theorin übergeben. Und nach einem Theaterunfall mit umstürzendem Stuhl in Die Walküre kehrte Tomasz Konieczny als Wotan zurück und musste am Ende einige Buhrufe einstecken.

Der 50-jährige Pole ist einer der Schauspieler des Abends, der den schauspielerischen Anforderungen, die Schwartz an seine Gruppe stellt, durchaus gerecht werden kann. Sein „Siegfried“ stellt den bisher am wenigsten dynamischen Teil des Quartetts dar, und ist zudem mit normalen und voll ausgestatteten Bausätzen ausgestattet, die in diesem Fall in sich statisch bleiben. Der 33-Jährige bleibt dem eingeschlagenen Weg treu, „Der Ring“ als große Familiengeschichte zu erzählen, die ganz auf Networking setzt und große Freiheiten beim Drehbuchschreiben hat.

Siegfried und sein Adoptivvater Mayim leben zusammen als Hamm und Clopeh aus Becketts „Endspiel“ in einem mysteriösen Puppenhaus, das wohl eher als Zeugskammer mit anderer Crew reizvoller ist. Schöne Clips theatralischer Glanzmomente, etwa wenn Siegfried in der Person einer demütigenden Amme seine ersten Versuche unternimmt, einem Waldvogel den Hof zu machen, und die Abstoßung von Siegfrieds Horn (hier ein Mittel, um Missverständnissen vorzubeugen!) verbinden sich mit Widersprüchen im Sexuellen sich nähern.

Oder wenn die Charaktere Tan und der Zwerg Albirich (Olafur Sigurdarsson), die hier als Brüder spielen, am Schauplatz ihrer Konfrontation auf Augenhöhe aufeinandertreffen. Wafner (Colorless Wilhelm Schwinghammer) ist kein Drache, der sein Vieh bewacht, sondern ein bettlägeriger alter Mann, der statt eines Nothong-Schwerts in seinem Herzen an einem Herzinfarkt stirbt. Rentner statt Reptilien. Es ist ein bisschen so, als würde man den Herrn der Ringe ohne die Sprites inszenieren.

Vieles an dieser Fokussierung auf die Familiensaga bleibt jedoch konsistent und wirft ein Licht auf Beziehungen, die sonst übersehen würden. Manche Dinge erschweren die Sache einfach. Wer der Vater von Sieglinds Kind – also Siegfried – ist, ist bis heute ungeklärt. Siegmund wie in der Vorlage wird manchmal fixiert. Tan wird auf jeden Fall ernsthaft darüber nachdenken, entsprechende Annäherungsversuche an die Schwangere zu unternehmen. Demnach gebar nicht der Zwillingsbruder seine Zwillingsschwester, sondern der Vater seine Tochter. Siegfried sollte ein Kind aus einer inzestuösen Beziehung bleiben, aber in Brunhild machte er nicht nur – wie im Drehbuch – seiner Tante den Hof, sondern gleichzeitig seiner Tante und Halbschwester. Nach und nach sind diese Bedingungen dazu geworden, dass die erfolgreichsten Serien warme Kleidung tragen müssen.

Allerdings hat Cornelius Meister im unsichtbaren Graben diesmal ein etwas schiefes Maß genommen, das zwischen der extremen Temperatur, die manchmal einen Leerstand aus dem Tritt brachte, und dem starken Wind und dann wieder den völlig transparenten Bahnen, in denen die einzelnen Maschinen lagen, oszillierte kam alleine. Der Meister geht selten in eine große Orchesterfanfare.

Bisher steuert alles auf den Zusammenbruch der alten Ordnung am Freitag zu. Valentin Schwartz und sein Team, die traditionell nach dem letzten Ton der „Götterdämmerung“ zum ersten Mal vor dem Vorhang stehen, müssen mit Buhrufen aus dem Festival-Publikum rechnen. Vieles ist bereits zu erwarten. Ob das stimmt, oder ob nicht der erste echte „Ring“ des 21. Jahrhunderts, der die Sprache der heutigen Generation spricht, im Fokus des österreichischen Theatermachers stand, bleibt abzuwarten.

Richard Wagner „Der Ring des Nibelungen: Siegfried“ bei den Bayreuther Festspielen. Musikalische Leitung: Cornelius Meister Regie: Valentin Schwartz Bühne: Andrea Cosi Kostüme: Andy Visette. Mit Siegfried – Andreas Schager, Mime – Arnold Bezuyen, Der Wanderer – Tomasz Konieczny, Alberich – Olafur Sigurdarson, Fafner – Wilhelm Schwinghammer, Erda – Okka von der Damerau, Brünnhilde – Daniela Köhler, Waldvoiner – Alexandra. Weitere Shows am 13. und 28. August. bayreuther-festspiele.de

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